| Kriegstagebuch April 1944 | |
| 2.4.1944 | KTB 9.Armee. Es scheint, als ob der Winter, der in diesem Jahr so außergewöhnlich mild verlief, kurz vor Beginn des Frühjahrs doch wenigstens noch einmal seine von den beiden vergangenen Jahren her bekannte Strenge zeigen wollte; den ganzen Tag über tobt über dem gesamten Armeegebiet ein anhaltender schwerer Schneesturm, der nicht nur sehr bald die Wege durch mannshohe Verwehungen für die meisten Fahrzeuge unpassierbar werden läßt, sondern auch an der Front die Beobachtung des Vorfeldes außerordentlich erschwert. Wie nicht anders zu erwarten, nutzt der Gegner das unsichtige Wetter zu vermehrter Aufklärungstätigkeit und fühlt an mehreren Stellen in Stärke bis zu 2 Kpn. gegen die eigenen Linien vor. Dank der Wachsamkeit der Grabenposten wird er jedoch überall unter hohen Verlusten zurückgeschlagen (s. Anl. II und III). Die Entscheidung über das weitere Schicksal der 707.I.D. ist jetzt gefallen (s. Anl. IV 1). Die bisherigen Unterstellungsverhältnisse der Grenadier-Regimenter sowie der Art.Abt. und der Pz.Jäg.Kp. unter die 45. bzw. die 296.I.D. bleiben erhalten, während die Versorgungstruppen und Teile des Div.Kdos. den jeweils zuständigen Abteilungsleitern des AOK zur weiteren Verwendung zur Verfügung gestellt werden. (Einzelheiten s. Anl. IV 1). |
| 11.4.1944 | KTB 9.Armee. Beim Unternehmen "Auerhahn" sind die Banden durch weitere Verengung des Kessels nunmehr auf der Waldinsel südwestlich Starossek zusammengedrängt worden. Der Widerstand des inbesondere auf dem Süd- und Südwestteil der Insel befindlichen Feindes hat sich versteift. Nach Gefangenenaussagen haben die Banditen Befehl, sich in kleinen Gruppen von 2-3 Mann durch die deutschen Linien durchzuschlagen. Erhöhte Aufmerksamkeit und größtmögliche Verdichtung der Sperrfronten wird erforderlich sein, um dieses Vorhaben zu verhindern, das durch das unwegsame Gelände begünstigt wird. Für morgen ist beabsichtigt, unter starker Abschirmung im Westen die Insel von Osten her durchzukämmen. Die Front verzeichnet bei zeitweise lebhafterer feindlicher Artillerietätigkeit in Abschnitt der 110.I.D. und 45.I.D. wieder keine Kampfhandlungen von Bedeutung. Nachdem das zur 129.I.D. tretende F.A.Rgt. sich schon seit einigen Tagen bei seiner Division befindet und bereits zur Abschirmung der Südfront beim Unternehmen "Auerhahn" eingesetzt worden ist, ist das für die 134.I.D. bestimmte F.A.Rgt. nunmehr ebenfalls mit allen Teilen eingetroffen. Damit rückt der Termin zur Abgabe der 20.Pz.Div. (zu der ein Befehl bisher noch nicht vorliegt), allmählich näher. Das Gen.Kdo.LV.A.K., dem vorgestern die Vorlage eines Zeitplans für die Herauslösung der noch in der Front befindlichen Teile der Division aufgegeben worden ist (Ia/Ia LV, 9.4.44, 23.00 Uhr), stellt dazu heute den Antrag, bei der Heeresgruppe die Übernahme eines Abschnitts seiner Front durch die 4.Arrmee zu erwirken, da es sonst unvermeidlich sein werde, die neue Grenze zwischen der 296. und 134.I.D. mitten durch den feindlichen Drut-Brückenkopf zu legen, was vom Gesichtspunkt einer einheitlichen Kampfführung in diesem Abschnitt zweifellos ungünstig wäre (Chef LV/Ia, 10.50 Uhr). |
| 22.4.1944 | KTB 9.Armee. Die Feindbewegunjen vor der Front der 110.I.D., die schon vor einigen Tagen beobachtet wurden, halten an. Man wird sie als örtliche Kräftezuführungen zu deuten und damit zu rechnen haben, daß der Gegner demnächst wieder einmal versuchen wird, die Abwehrkraft der eigenen Front und ihre Fähigkeit zu Gegenmaßnahmen durch einen plötzliche Vorstoß erneut auf die Probe zu stellen (s. Ic-Zwischenmeldung). In Fortführung der Vorbereitungen für die geplanten Bandenunternehmen finden weitere Besprechungen mit dem AOK 4, diesmal über eine Beteiligung am Unternehmen "Winnetou", statt. Leider wird sie voraussichtlich nur verhältnismäßig gering sein (Chef 4/Chef, 10,57 Uhr; Chef XXXV/Chef, 18.55 Uhr). Für das Unternehmen "Moorexpreß" (LV.A.K.) ergehen weitere Einzelanordnungen (s.Anl. IV 1 und IV 2). Den Hauptpunkt der Tagesereignisse bildet die Mitteilung der Heeresgruppe, das AOK werde, sobald das für die 45.I.D. bestimmte Feld-Ausb.Rgt. eingetroffen sei, mit dem Befehl zur Herauslösung einer weiteren Division aus der Front und ihrer Bereitstellung als Armeereserve rechnen müssen (Chef H.Gr./ Chef, 11.00 Uhr). Diese Ankündigung ruft beim AOK ernste Bedenken hervor. Der OB betont dem Feldmarschall gegenüber, daß er eine solche Maßnahme so lange nicht verantworten zu können glaube, als der unbedingte Verteidigungsauftrag der Armee bestehen bleibe; es gehe nicht an, die Front immer weiter zu schwächen, gleichzeilig aber zu fordern, sie unter allen Umständen zu halten, m.a.W., im Falle eines feindlichen Erfolges, den zu erzielen für den Gegner damit immer leichter werde, die Armeeführung trotz schwerster Abgaben nicht Von dem Vorwurf der Nichterfüllung des gegebenen Verteidigungsbefehls von vornherein zu entbinden (OB/FM, 12.00 Uhr). Die Heeresgruppe hat gleichzeitig mitgeteilt, daß mit einer Unterstellung des XXIII.A.K. unter das AOK vorläufig noch nicht zu rechnen sei. Auch ein Befehl zur Abgabe der 20.Pz.Div. werde voraussichtlich in nächster Zeit noch nicht erfolgen. |
| 25.4.1944 | KTB 9.Armee. Im Hinblick auf die fortdauernde feindliche Unruhe an der Pripjet-Front (LV. A.K.), wo es heute wieder zu örtlichen Gefechten gekommen ist, wird dem Gen.Kdo.LV.A.K. befohlen, sein Reservebataillon im Raum Petrikoff alarmbereit zu halten; darüber hinaus ist beabsichtigt, dem Korps einige Tage nach Abschluß des Unternehmens "Moorexpreß" ein Btl. der 129.I.D. als Verstärkung (Chef/Chef LV, 22.50 Uhr; s.Anl. IV 2) zuzuführen. Ferner erhält das XXXXI.Pz.K. Befehl, die 3./Sturmgesch.Brig.244 im E-Transport zum LV.A.K. zu verschieben, wobei allerdings durch Belassung der sS - Wagen am Ausladebahnhof Muljarowka die Möglichkeit einer schnellen Rückverlegung sichergestellt bleiben soll (Chef/ Chef XXXXI., 23.05 Uhr; s.Anl. IV 1). Es handelt sich bei diesen Befehlen, da die Ergebnisse der bisherigen Erdaufklärung und auch die Geländeverhältnisse gegen die Wahrscheinlichkeit eines stärkeren Feindvorstoßes sprechen, lediglich um Vorsichtsmaßnahmen, die das AOK für notwendig hält, um jede Überraschung auszuschliessen. Von der Heeresgruppe geht die Antwort auf die vorgestern vom AOK gegen die Abgabe einer weiteren Division erhobenen Bedenken ein (s.Anl. V 1). Der Feldmarschall betont darin, daß er sich des Risikos voll bewußt sei, das man mit der Dehnung der Ostfront zugunsten des bedrohten rechten Flügels eingehe. Dieses Risiko müsse jedoch in Kauf genommen werden, um die Forderung des Führers, die jetzigen Stellungen unbedingt zu halten, zu erfüllen. Er müsse deshalb auch im Gründe auf der Herauslösung einer weiteren Inf.-Div. bestehen, diese Division solle jedoch im frontnahen Bereich der Armee als Armeereserve verbleiben, und ihre Verlegung werde nur bei einer weiteren erheblichen Abziehung von Feindkräften vor der Front der 9.Armee in Frage kommen. Überdies sei mit einer Abgabe der 20.Pz.Div in allernächster Zeit nicht zu rechnen, und er sei deshalb damit einverstanden, wenn die z.Zt. eingesetzten Teile dieser Division vorläufig noch in der Front verblieben. Mit dem Herauslösen der Inf.Div. allerdings müsse so begonnen werden, daß bis Anfang Mai wenigstens eine Regimentsgruppe verfügbar sei. -Der OB wird sich voraussichtlich für die Herauslösung der 36. oder 45. I.D. entscheiden (OB/Chef, 23.50 Uhr). Das Unternehmen "Moorexpreß" hat in den Morgenstunden begonnen. Die Bildung des Einschließungsrings und seine Verengung erfolgen zwar planmäßig, es scheint jedoch, als ob wenigstens Teile der Bänden bereits nach Westen ausgewichen seien. Ausbruchsversuche der eingeschlossenen Banditen werden abgeschlagen. |
| 28.4.1944 | KTB 9.Armee. Der Feind setzt seine Luftwaffentätigkeit über dem Südabschnitt der Armee fort, erzielt jedoch mit seinen Bomben-und Bordwaffenangriffen, die vorwiegend den Bahnhöfen auf den Strecken Bobruisk - Staruschki und Muljarowka gelten, nur geringfügige Beschädigungen eines kleineren Bahnhofs (s.Anl. II und III). Es dürfte sich bei den seit einigen Tagen so auffällig vermehrten Einflügen doch wohl in erster Linie um bewaffnete Luftaufklärung handeln, mit der der Gegner die tiefe Flanke seines Aufmärschs vor dem Südflügel der Heeresgruppe Mitte überwachen und feststellen will, ob seine starken, an der Armeefront nach Südwesten vorbeifließenden Umgruppierungen zu irgendwelchen Rückwirkungen bei der Armee führen. Sein besonderes Interesse gilt dabei natürlich der nach Süden führenden Bahnlinie (s.Anl. I). In Ausführung des Befehls der Heeresgruppe vom 25.4., der zur Bildung einer neuen Reserve die Herauslösung einer weiteren Division, und zwar vorerst der Bereitstellung eines verst. Rgts. als Armeereserve bis Anfang Mai gefordert hatte (s.KTB v.25.4.), wird heute dem XXXXI.Pz.K. befohlen, ein Rgt. der 110.I.D.(der OB hat sich an Stelle der 35. bezw. 45.I.D. für diese Division entschieden) bis zum 2. Mai aus der Front zu ziehen und als Armeereserve. im Raum Katschai - Protassy - Ugly bereitzustellen (s.Anl. IV 2). Zum teilweisen Ausgleich wird dem Korps- vorübergehend das Div.Füs.Btl. 45 (XXXV. A.K.) zugeführt und unterstellt werden. Der Chef des Generalstabes ist heute zu einer vom NS.-Führungsstab des OKW durchgeführten Tagung auf der Ordensburg Sonthofen abgeflogen |
| 30.4.1944 | KTB 9.Armee. Die gestern angesetzte Jagd auf die Banden nordostwärts Bobruisk ist leider ergebnislos verlaufen. Dafür beginnt heute das XXXV.A.K. mit dem Unternehmen "Maiglöckchen", das der s.Zt. beim Unternehmen "Winietou" nach Norden ausgewichenen und später wieder in den Raum um Gorodez zurückgekehrten Bandengruppe gilt. Das von Korück angelegte große Unternehmen "Wirbelwind" im Raum-Marina-Gorka läuft heute ebenfalls an. Das Unternehmen "Moorexpreß" (Freikämpfen der geplanten Bahnlinie Staruschki -Uretschje) hat leider nicht den erhofften Erfolg gehabt, da die vorhandenen eigenen Kräfte zu gering waren, um die Banditen einzukesseln; sie sind zwar teilweise vernichtet, mit der Masse jedoch lediglich nach Westen abgedrängt worden, so daß mit einer nachhaltigen Wirkung der Aktion kaum gerechnet werden kann. An der Front ist die feindliche Luftaufklärung über dem XXXXI.Pz.K. und auch über dem linken Flügel des XXXV.A.K. wieder sehr rege; es kommt auch zu vereinzelten Bombenwürfen. Lebhaftere Bewegungen des Gegners im frontnahen Raum meldet das XXXV.A.K. von der Front zwischen Beresina and Dnjepr; man rechnet hier mit der Möglichkeit von feindlichen Erkundungsvorstößen in den nächsten Tagen. Im übrigen dürften die Bewegungen im feindlichen Hintergelände als Ablösungen oder örtliche Umgruppierungen zu erklären sein. Nach Eingliederung je eines Feld-Ausb.-Rgts. in der 129.I.D. und 134.I.D. ist nunmehr auch die geschlossene Eingliederung des F.A.R.637 als G.R.130 in die 45.I.D. erfolgt (s.Anl. V 1). überraschend und hart trifft die Armee der im Laufe des Nachmittags bekannt werdende Befehl, daß der OB, Generaloberst Harpe, auf persönlich in Befehl des Führers den Oberbefehl über die 1.Panzerarmee (Heeresgruppe Nordukraine) übernehmen wird, um an die Stelle des am 21.4. tödlich verunglückten Generalobersten Hube zu treten. Der OB wird am 2.5. die Armee verlassen, die er seit dem 4.11.43 führte. Auf dem heutigen Abschiedsabend aller Offiziere und Beamten des Oberkommandos würdigt Generalleutnant Lindig (Harko) die Verdienste und mit den Namen Orel, Ssosh, Beresina verknüpften Waffentaten des OB, der bereits als Kommandierender General des XXXXI. Pz.K. zu dem Ruhm der 9.Armee in hohem Maße beigetragen hat. Generalleutnant Lindig überreicht dem OB den Ring der 9.Armee. Oberstleutnant i.G. Ulms versichert für den abwesenden Chef des Generalstabes, daß "Truppe und Oberkommando traurig im wahrsten Sinne des Wortes" ihren bewährten und verehrten Oberbefehlshaber scheiden sehen, aber auch stolz sind auf seine in die Zukunft weisende Berufung an die Spitze einer Armee, die im Brennpunkt der gegenwärtigen und zukünftigen Kämpfe an der Ostfront steht. |
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