| Kriegstagebuch August 1939 | |
| 18.8.1939 |
Nachlaß Ortlepp. Kav.Schtz.Rgt.6. (Vom 18. bis 31. August 1939).Dunkle Wolken verfinsterten seit Wochen den politischen Horizont Europas. Die innen- und aussenpolitischen Grosstaten des Führers, die Erstarkung des Deutschen Reiches, die Wiedergewinnung der Wehrfreiheit, die Zerreissung der Ketten von Versailles, die Beseitigung des dem deutschen Volke angetanen Unrechts liessen in England beim ergebenen Bundesgenossen Frankreich Neid, Missgunst und Angst aufkommen. Das Weltjudentum, unterstützt durch deutsche Emigranten, brotlos gewordene ehemalige deutsche „Politiker“ aller Schattierungen und landesflüchtige Abenteurer, hetzte und geiferte gegen den Führer und das von ihm geschaffene grossdeutsche Reich mit dem Ziele der Bildung einer Einheitsfront zur Vernichtung und Knebelung Deutschlands. Seit dem Abkommen von München im Herbst 1938 wurde es von Tag zu Tag klarer, dass England und Frankreich sich mit Plänen einer politischen, wirtschaftlichen und militärischen Niederwerfung unserer Heimat trugen, die immer festere Gestalt annahmen. München war für sie nur als ein Waffenstillstand zur Vollendung ihrer unzureichenden Aufrüstung und für die übrige friedliebende Welt als heuchlerische Maske der „Friedensliebe“ der Westmächte gedacht.Nachdem durch Schaffung des Protektorates Böhmen und Mähren das „Flugzeugmutterschiff“ Tschechoslowakei als wichtigster Bundesgenosse in dem Einkreisungsring unserer Gegner ausgefallen war, suchte England geheim und offen mehr und mehr das deutsch-polnische Verhältnis, das durch ein zwischen dem Führer und dem polnischen Marschall und Staatsmann Pilsudski geschlossenes Abkommen eine gewisse Befriedung gefunden hatte, zu trüben. Mit englischen Pfunden, Lügen und Verleumdungen gelang es den englischen Politikern seit Anfang 1939 tatsächlich, in monatelanger Wühl- und Hetzarbeit an der Weichsel Misstrauen gegen Deutschland zu erwecken, den polnischen Nationalstolz und die Habgier anzufachen und allmählich eine Stimmung zu erzeugen, die früher oder später zu einer feindlichen Haltung und letzten Endes zum Kriege führen musste.Zur Jahresmitte verschärfte sich die Lage mehr und mehr. Jenseits unserer Ostgrenze nahm seit Beginn des Sommers 1939 die polnische Bevölkerung eine immer feindlichere Haltung gegen das Deutschtum im allgemeinen und die innerhalb der polnischen Grenzpfähle wohnenden deutschen Volksgenossen im besonderen an. So bildete sich bald ein Zustand heraus, der in vieler Hinsicht der Lage ähnelte, die im September 1938 dem Münchener Pakt und dem Einmarsch deutscher Truppen in das Sudetenland vorausgegangen war.Im Innern unseres Vaterlandes war von diesen Spannungen zunächst nicht viel zu verspüren. Heller Sonnenschein lag über dem schönen Saaletal. Kein Wölkchen zeigte sich am Himmel. Das arbeitsame deutsche Volk ging wie immer seiner friedlichen Arbeit nach. Die Kavallerieschützen in der Prinz Eugen-Kaserne in Rudolstadt und in der Kaserne bei Beulwitz bei Saalfeld verrichteten eifrig und freudig ihren Dienst. Die vorsorglicherweise seit Wochen eingezogenen Reservisten hatten sich eingelebt und waren in kurzer Zeit vollwertige Soldaten geworden. Ein kühl abwägender Beobachter aber liess sich nicht darüber täuschen, dass grosse Ereignisse bevorstanden, die immer mehr, immer deutlicher und sichtbarer ihre Schatten warfen. Es lag etwas in der Luft. Das fühlte auch jeder Kavallerieschütze, ohne sich vielleicht nähere Rechenschaft darüber geben zu können. Die Übergriffe der Polen wurden von Tag zu Tag unerträglicher. Polnische Generäle sprachen öffentlich von einem Kriege zur Eroberung ihrer „unerlösten Brüder im Westen“ und forderten Westschlesien, Niederschlesien, Ostpreussen, ja selbst Pommern, die Mark Brandenburg, Teile Sachsens, Böhmen usw. Die polnische Staatsregierung in Warschau unternahm nichts, um den eingeleiteten hemmungslosen Hetzfeldzug gegen das grossdeutsche Reich zu bändigen oder wenigstens in einigermaßen vernünftige Bahnen zu lenken. Mehr und mehr wurde das polnische Volk, das seit Jahrhunderten sich stets grossen Ideen empfänglich gezeigt hatte, aufgeputscht. Gewissenlose Verführer, die sich für englisches Geld empfänglich zeigten, kannten keine Hemmungen. Misshandlungen Volksdeutscher im polnischen Raum waren an der Tagesordnung. Nicht lange mehr konnte unser Führer, der Gründer des grossdeutschen Reiches, diesen Misshandlungen und Verfolgungen unserer Blutsbrüder durch den zu schonungslosem Deutschenhass aufgepeitschten slawischen Nachbarn im Osten zusehen, wenn seine Mahnungen an die Vernunft derer, die nicht hören wollten, in den Wind geschlagen wurden.Die Mittagsstunde des 18. August war vorbei. Nach den Anstrengungen des Vormittagsdienstes hatten die Kavallerieschützen in ihren behaglich eingerichteten Kasernen das Mittagessen eingenommen und rüsteten sich gestärkt und erfrischt für den Nachmittagsdienst. Um diese Zeit durcheilte der Regimentsadjutant, Rittmeister Schleifer, mit einem Ausdruck unverkennbarer Erregung im Kraftwagen die engen Strassen der arbeitsamen Stadt Saalfeld. Die wenigen Schützen, die ihn in dieser Nachmittagsstunde gesehen hatten, ahnten, dass etwas besonderes los sein müsse. Und so war es denn auch.Kurz nach der Mittagsstunde war von dem Stabschef der 2.leichten Division in Gera, Hauptmann von Wetzsch, die Anordnung der Marschbereitschaft für den kommenden Tag durchgegeben worden. Nach Bekanntgabe dieser Anordnung an die Abteilungskommandeure und Schwadronchefs änderte sich in wenigen Minuten in den Unterkunftsräumen in Saalfeld und Rudolstadt das bisher gewohnte Bild friedlichen Kasernenhoflebens. Der vorgesehene Dienst wurde abgesagt. Offiziere wurden mit Kraftwagen aus ihren Wohnungen in die Kasernen geholt. In den Offizierskasinos fanden Besprechungen statt. Funktionsunteroffiziere liefen aufgeregt durch die Gebäude. Latrinen- und Feldküchengerüchte schwirrten umher und wurden eifrigst und bereitwilligst weiter verbreitet. Zur Vermeidung von Unheil wurde bald den Gerüchten entgegengesteuert und der Truppe bekannt gegeben, dass das Regiment in Kürze zu Marsch- und Gefechtsübungen des Chefs der Schnellen Truppen zum Truppenübungsplatz Lamsdorf bei Neisse ausrücken werde. Ein Jeder verstand die Anordnung, so wie sie gemeint war: der Truppenübungsplatz war nur ein vorläufiges Marschziel, das wirkliche Ziel lag 100 km weiter ostwärts — Polen.Die denkbar grösste Betriebsamkeit setzte nun ein. Wie ein aufgestörter Ameisenhaufen sah das Leben und Treiben auf den Kasernenhöfen jetzt aus. Fahrzeuge wurden fahrfertig gemacht. Ausrüstungen aller Art wurden vervollständigt. Die Betriebsvorräte wurden ergänzt, Kleidungsstücke von den Kammern geschleppt, Munitionsempfänge durchgeführt. Alles klappte wie am Schnürchen. Wesentlich erleichtert wurde die Herstellung der Marschbereitschaft, die bis zum Mittag des nächsten Tages beendet sein musste, durch die vom Juni ab getroffenen Vorsichtsmassnahmen. Die beiden Abteilungen waren durch Einberufung von Reservisten bereits seit Wochen auf Kriegsstärke gebracht worden. Aktive und Reservisten hatten schon längere Zeit gemeinschaftlich Dienst getan und sich in harter Friedensübung aufeinander eingespielt. Das Regiment bildete ein geschlossenes Ganzes, bereit seine Pflicht zu erfüllen, wann und wo auch immer der Führer es verlangte. Durch Stockierung von Kraftfahrzeugen war die Beweglichkeit gesichert. Für Vorräte an Verpflegung, Munition, Ausrüstung und Betriebsstoff war gesorgt. Schwierigkeiten bei Herstellung der Einsatzbereitschaft traten nirgends auf.Die Abendstunden wurden, soweit es die dringlichen dienstlichen Belange zuliessen und die Angehörigen in Rudolstadt oder Saalfeld wohnten, ausgenutzt, um von den Lieben, den Bräuten und Freundinnen Abschied für voraussichtlich längere Zeit zu nehmen. |
| 19.8.1939 | Nachlaß Ortlepp. Kav.Schtz.Rgt.6. Um die Mittagszeit des 19. August war die volle Marschbereitschaft der beiden Abteilungen und des Regimentsstabes hergestellt, nachdem am Vormittag die Gerätevervollständigungen beendet, die letzten Handgriffe an der Ausrüstung getan und die Übergaben des zurückbleibenden Geräts und Inventars geregelt worden waren.Die kriegsmässig durchzuführende Fahrt zum Truppenübungsplatz Lamsdorf sollte im Divisionsverband mit 5 Marschgruppen vor sich gehen. Das Kavallerieschützen-Regiment Nr.6 bildete den Hauptteil der Marschgruppe C unter der Führung des Regimentskommandeurs, Oberst Fürst. Die Abfahrt dieser Marschgruppe, zu der auch der Stab des Artillerie-Regiments 78 und die I. Abteilung dieses Regiments aus Jena, ferner die 3.Kompanie der Nachrichtenabteilung 29 und die 7.Grosse Kraftwagenkolonne 58 gehörten, war für den 20.August früh zwischen 4 und 5 Uhr aus Saalfeld bzw. Rudolstadt angesetzt.Zur Vorbereitung der Quartiere an der Marschstrasse und in der Umgebung des Truppenübungsplatzes waren Quartiermacher eingestellt, die in Stärke von 2 Unteroffizieren und 3 Mann mit 1 Kraftrad mit Beiwagen und 2 Solorädern je Einheit bereits am heutigen Abend unter Führung von Leutnant Hohlfeld die Standortquartiere verliessen und der Truppe vorausfuhren. |
| 20.9.1939 | Nachlaß Ortlepp. Kav.Schtz.Rgt.6. Seit Mitternacht herrschte reges Treiben in den Kasernen von Rudolstadt und Saalfeld. Motoren liefen zur Probe. Rufe gellten über den Hof. Vor den Kasernentoren fanden sich einige Unentwegte ein, die es sich nicht nehmen lassen wollten, den Ausmarsch ihres Regiments, das sich zum ersten Male seit seiner Umwandlung in ein Kavallerieschützen-Regiment in voller Kriegsstärke, Ausrüstung und Bewaffnung zeigte, beizuwohnen. Als der Morgen graute, waren die beiden Abteilungen abfahrbereit. Jeder Schütze wusste, dass es dieses Mal nicht ein Übungsmarsch, auch nicht eine friedliche Eroberung, wie in den Märztagen in der Tschechei werden würde, sondern, wenn nicht im letzten Augenblick das polnische Nachbarvolk Vernunft annahm, ein Krieg mit allen seinen Auswirkungen. Ein jeder wusste aber auch, dass er für Führer, Volk und Vaterland, getreu dem geschworenen Fahneneid, seine Pflicht erfüllen würde, bis der Gegner, der im Vertrauen auf die zugesagte Waffenhilfe Englands und des ihm hörigen Frankreich eine unerträglich gewordene herausfordernde Haltung einnahm, niedergekämpft und der Ruhm eines siegreich beendeten Feldzugs an die Fahnen des jungen Regiments geheftet war. Wie 1914 – 1918 ihre Väter, so wollten heute die jungen Schützen ihre Pflicht erfüllen und denen nacheifern, die durch die Schule des Weltkriegs gegangen waren und jetzt als ihre Führer und Unterführer im feldgrauen Rock wie vor fast 25 Jahren zum Schutze und zur Verteidigung ihres Vaterlandes hineuzogen. Kurz nach 4 Uhr wurden die Gänge in die Kraftfahrzeuge geschaltet und die II.Abteilung unter Oberstleutnant Junck fuhr aus der Prinz Eugen-Kaserne in Rudolstadt in Richtung Saalfeld ab, um sich mit den dort liegenden Teilen des Regiments an der Kreuzung „Am Fingerstein“ zur befohlenen Marschkolonne zu vereinigen. Grüssend umsäumten Rudolstadts Frühaufsteher die nach Schwarz führende Strasse und winkten den Soldaten zu, bis das letzte Fahrzeug verschwunden und das Dröhnen der Motoren nicht mehr zu hören war.In gleicher Weise hatte sich von Saalfeld aus die lange Fahrzeugkolonne der I.Abteilung unter Oberstleutnant Reim in Marsch gesetzt, um die Spitze der Marschgruppe C zu übernehmen. Bereits um 4.25 Uhr überschritt sie das oben genannte Wegekreuz und schlug nach Angliederung der II.Abteilung die Richtung nach der Industriestadt Pössneck ein. Die Marschgruppe Oberst Fürst, die sich später der Marschgruppe B, zu der vor allem das Schwesterregiment Nr.7 aus Jena und Gera gehörte, anschliessen sollte, hatte nach ihrer Vereinigung in folgender Gliederung zu fahren: I. Abteilung, Regimentsstab und Nachrichtenzug, II. Abteilung, leichte Infanterie-Kolonne des Regiments, Stab des Artillerie-Regiments 78, I.Abteilung dieses Regiments, 3./Nachrichtenabteilung 29, 7./Grosse Kraftwagenkolonne 58. Ihr war kriegsmässiger Marsch mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 25 km vorgeschrieben, wobei die Höchstgeschwindigkeit des Spitzenfahrzeugs 35 km in der Stunde nicht überschreiten durfte.Zunächst führte der Weg durch das schöne Thüringerland, durch Städte und Dörfer, die vielen Regimentsangehörigen Heimatgebiet waren. In Neustadt wurde das Orlatal und damit die nach Gera führende Strasse verlassen und südliche Richtung auf Schleiz eingeschlagen. Die Vermutung vieler Schaulustiger, dass die Fahrt von der Schleizer Seenplatte aus auf der Reichsautobahn weiterführen würde, erwies sich als unzutreffend. Durch das reussische Oberland ging es ohne Unterbrechungen von Schleiz nach der Möbelstadt Zeulenroda und dann hinunter in das Tal der Weissen Elster bei Greiz. Die zur Marschgruppe gehörigen Formationen hatten Auftrag, sich bis Greiz in die Kolonne einzufädeln. Da in Greiz die Durchfahrt kurze Zeit vor Beginn der Arbeit und der Schulen erfolgte, stand ein grosser Teil der Bevölkerung an der Fahrstrasse, jubelte den Kavallerieschützen zu und warf Blumen auf die Kraftwagen. Ohne Zwischenfälle wurde das sächsische Industriegebiet von Werdau erreicht. Eine kurze Rast diente zum Nachsehen der Fahrzeuge und zur Getränkeausgabe. Schöne Mädchen schmückten die Schützen und bedauerten, dass die Fahrtpause nur so kurze Zeit dauerte.Weiter ging in den Vormittagsstunden die Fahrt nach Zwickau und dann nördlich des Erzgebirges entlang über Schneeberg, Aue, Schwarzenberg, Scheibenberg, Buchholz, Annaberg. Über die Vorberge und Berge des waldgedeckten Erzgebirges – des Grenzgebietes zwischen dem deutschen Vaterlande und dem früheren unglücklichen Gebilde der Tschecho-Slowakei – führte der Weg über Wolkenstein, Marienberg, Reitzenstein in das Sudetenland nach Komotau. Alte Erinnerungen wurden wach bei den Kameraden, die bereits im vergangenen Jahre im Regiment gedient und den Einmarsch in das Sudetenland im Herbst 1938 mitgemacht hatten. Von Marienberg an wollte es der Zufall, dass dieselbe Strasse benutzt wurde, die Teile des Regiments im Oktober 1938 kennengelernt hatten. Und doch war ein gewaltiger Unterschied zwischen damals und jetzt. Vor einem Jahre hatte die Truppe als Infanterie den Weg zu Fuss in Staub und Hitze zurücklegen müssen, heute aber war sie als Kavallerieschützenregiment motorisiert und wurde von Marienberg nach Komotau gefahren. Wohl jedem Schützen kam bei dieser Betrachtung zum Bewusstsein, welche gewaltigen Fortschritte Deutschlands Aufrüstung in dem Zeitraum von knapp 11 Monaten gemacht hatte und welche ungeheuren militärischen Vorteile die durchgeführte Umgliederung der Truppe, die Umwandlung von einem Infanterieregiment in ein motorisiertes Kavallerieschützenregiment, allein schon durch die Möglichkeit ihres schnellen Einsatzes gewährte. Die Überlegenheit in Mechanisierung und Motorisierung der deutschen Armee sollte gerade im polnischen Feldzug von entscheidender Bedeutung sein. Auf der Durchfahrt durch das im Vorjahre befreite Sudetenland wurde das Regiment überall in Stadt und Land von den deutschen Volksgenossen freudig begrüsst. Auf den Strassen musste hier die Fahrtgeschwindigkeit vorübergehend herabgemindert werden, da sich die Verkehrswege noch im Ausbau befanden. Gegen 18.00 Uhr trafen die Abteilungen im vorgeschriebenen Unterkunftsraum, im Bergbaugebiet von Dux und Brüx ein. Die Bevölkerung dieses wichtigen Kohlengebietes hatte bis zum Oktober 1938 unter der tschechischen Herrschaft schwere Zeiten durchgemacht und Hunger, Entbehrung, Arbeitslosigkeit und Unterdrückung kennen gelernt. Durch die grosse Tat des Führers waren jetzt Zufriedenheit und Arbeitsfreudigkeit eingekehrt. Dies alles fand beredten Ausdruck in der freundlichen Aufnahme unserer Schützen in den Quartieren einer Bevölkerung, die auch jetzt noch nicht mit besonderen Glücksgütern dieser Welt gesegnet war, die aber um so freigebiger das wenige, was sie besass, ihren Volksgenossen im feldgrauen Rock aus dem Altreich zur Verfügung stellte. Die Schwadronen der I.Abteilung wurden im Gebiet nördlich Dux nämlich der Stab in Ullersdorf, die 1.Schwadron in Janegg, die 2.Schwadron in Wernsdorf, die 3.Schwadron in Hundorf, die 4.Schwadron in Loosch untergebracht, während von der II.Abteilung der Stab und die 5.Schwadron in Launowitz, die 6.Schwadron in Sobraus, 7.Schwadron in Hostowitz und die 8.Schwadron in Schwarz unterkamen. Während es sich die Schützen in den Quartieren gemütlich machten und mit ihren Quartierleuten anfreundeten, fuhren bereits die Quartiermacherkommandos für den kommenden Tag in die Gegend südlich von Glatz weiter. |
| 21.8.1939 | Nachlaß Ortlepp. Kav.Schtz.Rgt.6. Frühzeitig schallte der Weckruf durch die engen Gassen der sudetendeutschen Dörfer um Dux. Unter Ausnutzung der Morgenkühle musste die Marschgruppe Oberst Fürst einen grossen Teil der für heute vorgesehenen kriegsmässigen Fahrt hinter sich bringen. Um 5.10 Uhr setzte sich die lange Kolonne in Bewegung. Strahlender Sonnenschein, wie schon am Vortage, liess die Fahrt durch die schönsten Teile des neu gewonnenen Sudetenlandes zum Genusse werden. Es wurde in der Marschfolge wie am Vortage gefahren. Die I.Abteilung des Regiments hatte die Spitze. Der Weg führte zunächst über die Doppelstadt Teplitz-Schönau und Tetschen-Bodenbach zur Elbe und von hier in das nordböhmische Hügelland, das sich südlich des Riesengebirges hinzieht. Böhmisch-Kamitz, Neida, Böhmisch-Leipa, Niemes wurden berührt. Dabei lernten die Schützen neben den landschaftlichen Schönheiten des Sudetenlandes auch die des Protektorats Böhmen und Mähren kennen. Erstaunt blickten die tschechischen Einwohner von ihrer Arbeit auf, als die schweren Kraftfahrzeuge durch die schlecht gepflasterten Strassen fuhren. Besondere Aufmerksamkeit erweckten die beiden schweren Schwadronen mit den Pakgeschützen, schweren und leichten Granatwerfern und den leichten Kavallerieschützen. Es ging über den blutgetränkten Boden aus dem Bruderkriege 1866, der aber notwendig war, um die Gründung des deutschen Reiches von 1871 zu ermöglichen. Preussische Grenadiere hatten hier bei Münchengrätz und Gitschin gekämpft und die Voraussetzung für die deutsche Einigung und damit letzten Endes auch für das jetzt Wirklichkeit gewordene grossdeutsche Reich geschaffen.In der Gegend nördlich Gitschin legte die Marschgruppe eine 1 1/2-stündige Mittagsrast ein. Das Fahren auf teilweise mittelmässigen Strassen hatte die Schützen durchgerüttelt und die Hungergefühle geweckt. Das Feldküchenessen mundete daher recht gut. Dann führte …der Weg zum Oberlauf der Elbe. Im Norden umsäumten die hohen fast bis zum Kamm bewaldeten Berge des Riesengebirges den Horizont. In glühender Sonnenhitze ging es über Horitz, Königgrätz, Jaromer, Nachod in das Glatzer Gebirge bei Bad Reinerz. Abermals wurde geschichtlicher Boden berührt, denn auch bei Königgrätz und Nachod wurde im Sommer 1866 zwischen den beiden Brudervölkern Preussen und Oesterreich erbittert um den Sieg und um die Vorherrschaft gerungen. Damals waren Preussen und Oesterreicher Gegner. Heute stand ein Oesterreicher, ein Oestmarker, an der Spitze des geeinten Grossdeutschlands als der Führer aller Preussen, Oesterreicher, Bayern und der anderen deutschen Stämme. Während sich die Grossväter und Urgrossväter noch bekämpft hatten, zogen ihre Enkel und Urenkel in der gleichen Front, in der gleichen Uniform für das gleiche Ziel unter einem Führer zum Schutze Grossdeutschlands Grenze nach Schlesien, um Schulter an Schulter zu kämpfen für die Befreiung der deutschen Volksgenossen, die ein Wahnsinn von Versailles wildgewordenen polnischen Horden ausgeliefert hatte, weil es nach Ansicht eines hasserfüllten und siegestrunkenen Ministers westlich der Vogesen 20 Millionen Deutsche zu viel auf der Welt gab.Die letzte Strecke der Fahrt berührte das landschaftlich reizvollste Stück des Glatzer Gebirges. Herrliche Waldungen, schöne Bäder, romantische Bergstrassen, geschmackvolle Häuser geben der Landschaft das Gepräge. Bad Reinerz, Rückers und Altheide waren die wichtigsten Wegsteine dieser Fahrt, die gegen 18 Uhr in der Gegend südlich Glatz ihr heutiges Ende fand. Während die I. Abteilung in Mippwitz, Oberschwedeldorf und Niederschwedeldorf unterzog, fand die II. Abteilung in Kamnitz, Röschütz und Wallisfurth gute Unterkunft.Trotzdem bei den teilweise schlechten Strassenverhältnissen an sich schon vorsichtig gefahren worden war, hatten sich Unlücksfälle nicht vermeiden lassen. U.a. waren mehrere Quartiermacher mit ihren Krafträdern gestürzt und verletzt worden. Unter ihnen befand sich Leutn.d.R.Herbst. |
| 22.8.3939 | Nachlaß Ortlepp. Kav.Schtz.Rgt.6. Der Tag sollte nur einen kleinen Marsch von 70 km bis zu dem zwischen Neisse und Oppeln gelegenen kleinen Truppenübungsplatz Lamsdorf bringen, dem sogenannten I. Unterkunftraum. Bei gutem Wetter und herrlichen Sonnenschein erfolgte um 7 Uhr die Abfahrt aus dem Gebiet südlich Glatz. Die letzten Ausläufer des Glatzer Berglandes wurden überwunden. Vor dem Schützen tauchte das schlesische Hügelland auf. Die Fahrt war kriegsmässig ohne Rast durchzuführen, was bei der kurzen Strecke keine Schwierigkeiten bereitete. Durch die altwürdige Stadt Glatz ging es über Reichenstein, Patschau nach Neisse. Hier wurde die bisherige Marschgruppe C unter Oberst Fürst aufgelöst, da nun die Formationen getrennt den ihnen zugewiesenen Unterkunftsorten um den Truppenübungsplatz Lamsdorf zustrebten. Das Kavallerieschützenregiment Nr.6 fuhr von Neisse über Neunz, Oppersdorf, Steinau, Schnellendorf nach Friedland in Oberschlesien. Bereits kurz nach 11 Uhr waren die Quartierräume erreicht, die für das Regiment für die nächsten Tage vorgesehen waren. Es wurden untergebracht in Friedland der Regimentsstab – später wurde auch die 3.Schwadron dorthin verlegt, weil die in Baugrund vorgesehenen Quartiere nicht ausreichend waren –, in und um Puschine Stab I.Abt.nebst Nachrichtenzug, in Merschau die 1.Schwadron, in Brandelsdorf die 3.Schwadron, in Heinrichshof die 4.Schwadron, in Löstel der Stab der II.Abt. mit der 6. und 7. Schwadron, in Kuhlisdorf die 5.Schwadron und auf Fuchsberg die 8.Schwadron. Die Einzelquartiere waren trotz der Nähe des Truppenübungsplatzes gut. Die Fahrzeuge wurden kriegsmässig getrennt aufgestellt und nach den Einrücken Vorkehrungen für den Luftschutz getroffen. Reinigungs- und Instandsetzungsarbeiten füllten den Nachmittag aus. |
| 23.8.1939 | Nachlaß Ortlepp. Kav.Schtz.Rgt.6. Die grossen Fahrleistungen hatten die volle Bewährung der Fahrzeuge bestätigt. Die Schützen, vor allem die Fahrer, konnten den angesetzten Ruhetag gut gebrauchen. Instandsetzungsarbeiten und Reinigungsdienst fanden ihre Fortsetzung. Bald waren Fahrzeuge und Maschinen, Waffen und Gerät, Bekleidung und Schuhwerk in einem Zustande, der die Spuren des gewaltigen Anmarsches der Division nicht mehr erkennen liess.Bei herrlichem Sonnenschein fand auf Anordnung der Division auf dem Truppenübungsplatz Lamsdorf mit den Kommandeuren eine Besprechung über die bevorstehenden Aufgaben statt. General Stumme, der Kommandeur der 2.leichten Division, leitete die Unterhaltung. Über den Ernst der Lage herrschte bei Offizieren, Unteroffizieren und Schützen kein Zweifel mehr, nachdem die bevorstehende Unterzeichnung eines Nichtangriffspaktes zwischen Deutschland und Sowjetrussland bekannt geworden war. Ein jeder fühlte, dass der Führer gewillt und entschlossen war, den Drangsalierungen, Vergewaltigungen,Quälereien und Bedrohungen unserer deutschen Volksgenossen in den ehemaligen preussischen Provinzen Westpreussen, Posen und Oberschlesien ein Ende zu machen und die deutsch-polnischen Streitfragen einer Klärung zuzuführen, so oder so. Auf Anweisung der vorgesetzten Kommandostellen wurden am Nachmittag innerhalb der beiden Abteilungen des Regiments durch Abteilungskommandeure Oberstleutnant Reim und Oberstleutnant Junck Offiziers- und Unteroffiziersbesprechungen abgehalten, bei denen auf den Ernst der Lage hingewiesen wurde. Zugleich wurde den Führern und Unterführern in grossen Umrissen ihre bevorstehende Aufgabe dargelegt. Die bisherigen Vermutungen der Truppe fanden ihre amtliche Bestätigung. Es handelte sich nicht um einen kriegsmässigen Marsch, sondern das Regiment war zum Einsatz gegen Polen aufmarschiert. Wenn nicht noch in den nächsten Stunden ein Wunder geschah und Polen sich der Gefährlichkeit seines frevelhaften Spiels bewusst wurde, dann mussten die Waffen sprechen, um dem Recht zum Siege zu verhelfen. Offizieren und Unterführern fiel dann die Aufgabe zu, ihrer Truppe leuchtendes Beispiel und Vorbild in jeder Kampflage zu sein. .... private politische Ansichten im Original vorhanden, hier gekürzt |
| 24.8.1939 | Nachlaß Ortlepp. Kav.Schtz.Rgt.6. Der Tag diente der militärischen Ausbildung, dem Gefechtsdienst und den Vorbereitungen für die kommenden Aufgaben. Die Tatsache des bevorstehenden Einsatzes des Regiments erhöhte den Kampf- und Diensteseifer der Truppe. Der Verlauf der durchgeführten Gefechtsübungen stärkten das Selbstbewusstsein der Schützen und ihre Zuversicht auf das Gelingen des grossen Werkes auch im Ernstfall. Am Nachmittag fand beim Regimentskommandeur, Oberst Fürst, in Friedland abermals eine Besprechung statt, bei der Einzelheiten des Einsatzes durchgesprochen und Anweisungen für das Überschreiten der polnischen Grenze und die zu erwartenden ersten Kämpfe gegeben wurden. Etwa zur gleichen Zeit lief von der Division der Alarmbefehl ein. Sofort eilten die Abteilungskommandeure zu ihren Abteilungen. Der sofortige Abmarsch des Regiments und die Vorverlegung der Unterkünfte in die Nähe der deutsch - oberschlesischen Grenze war befohlen. In kurzer Zeit waren alle alarmierten Schwadronen abmarschbereit. Die Motoren liefen an. Um 18 Uhr fuhren die einzelnen Schwadronen von ihren Gestellplätzen. Die Vorhut des Regiments hatte die II.Abteilung unter Oberstleutnant Junck. Die gesamte 2.leichte Division war auf dem Marsche nach dem neu zugewiesenen Unterkunftraum östlich Gross - Strehlitz in der Gegend von Strahlheim - Petersgrätz. Das Kavallerieschützenregiment fuhr in ostwärtiger Richtung über Zülz, Oberglogau, Cosel, Kandrzin, Rodenau. Nach Einbruch der Dunkelheit durfte unterwegs mit Rücksicht auf die Nähe der polnischen Grenze nur noch mit Standlicht und Blendkappen gefahren werden. Um Verkehrsunfälle nach Möglichkeit auszuschliessen, war der Feldgendarmerietrupp der Division zur Verkehrsregelung und Abriegelung der Seitenstrassen eingesetzt worden. Schweigend stand ein Teil der Bevölkerung beiderseits der Fahrstrasse und betrachtete nachdenklich den Durchzug der motorisierten Truppen. Die Bewohner wussten, dass das feldgraue Heer Schlesiens Grenzen vor unbefugten Übergriffen der benachbarten Slawen schützen würde.Gegen 22,30 Uhr erreichte das Regiment die neuen Räume, die sogenannte 2. Unterkunft. Es gab nicht, wie bisher, schöne Einzelquartiere. Die Truppe wurde eng zusammengelegt, um eine sofortige Alarmierung durchführen zu können und die nötige Tarnung zu erleichtern. Die Fahrzeuge fanden abseits der Hauptstrasse unter Bäumen Aufstellung gegen Fliegersicht gedeckt und nach Möglichkeit den Augen polnischer Agenten entzogen. In den Dörfern wurden die Fernsprechstellen militärisch besetzt und Massnahmen dahin getroffen, dass die Truppe möglichst wenig in den Dörfern und auf den Strassen zu sehen war. Das Kavallerieschützenregiment Nr.6 war im Raume Rodlingen - Rodenau – Quellengrund – Haldenau – Andreashof – Sibyllenhof – Schroll beiderseits der Eisenbahnlinie Gross – Strehlitz – Gleiwitz, also nur 15 km von der polnischen Grenze, die das wirtschaftlich zusammenhängende Industriegebiet Oberschlesiens nach dem Willen der Entente in zwei unnatürliche und willkürliche Teile auseinanderiss. Der Regimentsstab und der Stab der II.Abteilung wohnten in Quellengrund, der Stab der I. Abteilung und ihre Schwadronen in und um Schroll, Schironowitz, Belzowitz und Schenkowitz, während die Schwadronen der II.Abteilung in Rodenau, Rodlingen und Haldenau untergekommen waren. |
| 25.8.1939 | Nachlaß Ortlepp. Kav.Schtz.Rgt.6. Der Beginn der Feindseligkeiten stand unmittelbar bevor. Die polnischen Übergriffe hatten ein unerträgliches Maß angenommen, daß eine Grossmacht wie Deutschland sich dies von einem zweitrangigen Staate wie Polen nicht länger gefallen lassen konnte. Polen träumte von dem Marsche auf Berlin. Selbst die polnische Regierungspresse stellte jetzt Forderungen auf deutsche Gebiete bis fast zur Elbe. Nach den Garantieversprechen der englischen Regierung hatte man an der Weichsel den Verstand verloren.Deutscherseits wurden die letzten Vorbereitungen zum Einsatz getroffen. Während die Schwadronen Gerät und Fahrzeuge nochmals einer genauen Durchsicht unterzogen und sich für den zu erwartenden blutigen Kampf rüsteten, lief von der Division der Befehl zur unverzüglichen Sperrung des Aufmarschgeländes an der Grenze ein. Seit den frühen Morgenstunden wurden die anzumarschenden Bereitstellungsräume und Aufmarschstrassen eingehend erkundet. Es waren Vorkehrungen getroffen worden, um die Zahl der Erkundungsfahrzeuge auf das geringste Maß zu beschränken. Die Kraftwagen durften nur bis höchstens 3 km an die deutsche Grenze heranfahren und mussten bestimmte Strassen, so die Strasse Tormieck – Bruschiek (Brusiek) meiden, weil diese von jenseits der Grenze vom Feind eingesehen werden konnten. Mit Rücksicht darauf, dass im Grenzgebiet auch polnische Volksgenossen wohnhaft waren, hatte die Gestapo strenge Überwachungsmassnahmen für die Grenzbewohner getroffen.Obwohl der Aufmarschraum des Regiments in einem unübersichtlichen ausgedehnten Waldgelände lag, bot die Vorerfahrung dank der bereits vorher getroffenen vorausschauenden Maßnahmen der höheren Führung keine Schwierigkeiten und war gegen Mittag beendet. Sie wurde von den Kommandeuren persönlich ausgeführt. Altbewährte Offiziere wie Rittmeister Franke und Oberleutnant Dietrich u.a.m. unterstützten ihre Kommandeure. Nach der Vorerkennung durch die Abteilungskommandeure wurden die Anmarschwege von den Schwadronchefs im einzelnen festgelegt. Da durch Regimentsbefehl einige Offiziere des Regiments zur Führerreserve abgestellt werden mussten, wurden Umbesetzungen innerhalb des Regiments notwendig und sofort durchgeführt. So übernahm Oberleutnant Driver die Führung der 5.Schwadron. Um 17 Uhr traf der Vorbefehl für den Einsatz ein. Die Abteilungskommandeure versammelten ihre Schwadronchefs und Zugführer und gaben die Richtlinien für das Einrücken in die Bereitstellungsräume bekannt. Nach dem zugegangenen Divisionsbefehl hatte die Division gegen 19,30 Uhr den Unterkunftsraum um Gross-Strehlitz zu verlassen und sich in der Nacht unbemerkt hinter der durch den Grenzschutz gesicherten Reichsgrenze im Abschnitt Mikolska – Grünwald (Krywald) – also etwa halbwegs dem polnischen Städtchen Lublinitz und der deutschen Stadt Gleiwitz im Mornescher Forst – so bereitstellen, dass am 26. August bei Beginn der Morgendämmerung die bisherige Landesgrenze in ostwärtiger Richtung überschritten werden konnte. Zu diesem Zweck bildete die Division des Generalleutnants Stumme 2 Kampfgruppen: die Kampfgruppe Kavallerieschützenregiment Nr.7 unter Oberst von Bismarck und die Kampfgruppe Kavallerieschützenregiment Nr. 6 unter Oberst Fürst. Zur Kampfgruppe Fürst traten das Regiment selbst, die 2.Batterie des Artillerie-Regiments Nr. 78, die 1./Pionierbataillon 58, Stab und 1./Panzerabwehrabteilung 42, 1 Zug der 3.Kompanie der gleichen Abteilung und einige Panzer der Panzerabteilung 66. Um 19,30 Uhr erfolgte die Abfahrt der Abteilungen mit den aus den einzelnen Schwadronen gebildeten Unterkampfgruppen in den Bereitstellungsraum. Jede Benutzung von Licht, jedes Geräusch war verboten, um dem Gegner den Aufmarsch nicht vorzeitig zu verraten. Von Quellengrund ging es über Rost, Langendorf, Hubertsgrund, Ostwalde (Pohlom). Die I. Abteilung stellte sich in der Umgebung des Punktes 260 westlich Brunneck (Brynek) bereit, während die II. Abteilung im Walde bei Birkhof südlich Horncek (Tworóg) Aufstellung nahm. Gegen 22 Uhr waren die einzelnen Schwadronen an den vorgesehenen Punkten nur wenige Kilometer hinter der Grenze bei Stollnowsen eingerückt. Die Abteilungskommandeure begaben sich sofort zum Regimentsgefechtsstand bei Brunneck und meldeten die Ausführung des Aufmarschebefehls.Die Spannung erreichte ihren Höhepunkt, als gegen 22,15 Uhr der Regimentskommandeur auf den Gefechtsstand eintraf. Oberst Fürst brachte aber keine weiteren Weisungen für den auf 4,30 Uhr festgesetzten Angriff, sondern im Gegenteil eine zunächst mündliche Anordnung des Kommandierenden Generals, General der Infanterie Hoth vom XV. Armeekorps, nach der alle Massnahmen zum Grenzüberschreiten bis auf weitere Weisung einzustellen waren. Da die am 26.August vorgesehene Grenzüberschreitung verschoben war, wurde mit Recht gemutmasst, dass der Führer noch einen letzten Versuch unternehmen wollte, um den drohenden deutsch-polnischen Konflikt auf friedlichem Wege zu lösen. Die Schwadronen blieben unter aufrechterhaltung aller Vorsichtsmassnahmen gegen feindliche Entdeckung an den Aufmarschstellen und gingen zur Ruhe über. Die Abteilungskommandeure verblieben beim Regimentsgefechtsstande, um sofort erreichbar zu sein, falls anderweite Anordnungen der Kommandostellen eintrafen. |
| 26.8.1939 | Nachlaß Ortlepp. Kav.Schtz.Rgt.6. Soweit es Ort und Zeit zuliess, hatte die Truppe im Bereitstellungsraum versucht zu schlafen. Weitere Befehle wurden erst mit dem Morgengrauen erwartet. Der Morgen brach an. Er brachte zunächst keine Änderung der Lage. Die Division ordnete an, dass die Fahrzeuge in den Waldungen auf das sorgfältigste zu tarnen waren. Jede unnütze Bewegung, jedes Geräusch hatte zu unterbleiben. So verging der Vormittag. Es wurde Nachmittag und der Soldat konnte nur das tun, was er zuerst beim Militär lernte — warten! Da auch der Nachmittag verstrich, ohne dass neue Anweisungen eintrafen, schwand allmählich der Glaube, dass der Beginn der Operationen nur um 24 Stunden verschoben sei, es verstärkte sich die Auffassung, dass die Entwicklung der politischen Lage eine Änderung der militärischen Absichten notwendig gemacht hatte. Optimisten rechneten damit, dass es wie vor Jahresfrist gelingen würde, einen Krieg zu vermeiden und auf friedlichem Wege die deutsch-polnischen Streitpunkte aus der Welt zu schaffen, ohne dass sich England und Frankreich einzumischen brauchten in eine Angelegenheit, die sie nicht das geringste anging. Sie hielten den Polen für verständig und waren überzeugt, dass er sich im letzten Augenblick der wirklichen Lage und unserem unanfechtbaren Recht auf Danzig und den Korridor nicht verschloss.Der Tag verstrich. Wieder wurde es Nacht. Immer aber wartete die Truppe noch in den Waldungen unmittelbar westlich der polnischen Grenze in Ungewissheit darüber, ob es Krieg gab oder der Frieden erhalten blieb, ohne dass der Führer die Polen mit der Waffe zur Vernunft zurückführen brauchte.Endlich nach 22 Uhr erging ein Befehl der Division, der anordnete, dass das Regiment zur Schonung der Truppe aus dem Bereitstellungsraum zurückgenommen und etwa 10 km weiter westlich nach Ebersheide und Langendorf in Ortsunterkünfte gelegt wurde. Sofort wurden die Fahrzeuge herangezogen und Schwadronen marschfertig gemacht. |
| 27.8.1939 | Nachlaß Ortlepp. Kav.Schtz.Rgt.6. Kurz nach Mitternacht verliessen die Schwadronen den Auf-marschraum an der polnischen Grenze bei Birkhof und Brunneck und fuhren in dunkler Nacht auf einsamen Waldwegen westwärts über Pohlom und Woiska nach Langendorf. Es wurden einquartiert: die I.Abteilung in Ebersheide, die II. Abteilung in Langendorf, der Regimentsstab mit der Regimentsreserve (2.Schwadron) in Burgfels. Die unterstellte 2.Batterie des Art.Rgts.78 zog in Alsenz, die Panzerkompanie in Langendorf unter. Nach einigen Ruhestunden wurde am Nachmittag der Instandsetzungsdienst wieder aufgenommen und Unterricht über Gefechtsführung abgehalten. Die Schwadronen blieben in den Quartieren und warteten. Die Ungewissheit hielt an. Die Soldaten mussten schweigen, die Diplomaten hatten das Wort.Grosse Hoffnungen auf Erhaltung des Friedens bestanden freilich nicht mehr. Der Gegner schien es darauf anzulegen, Deutschland durch immer zahlreichere und weitreichendere Grenzverletzungen, durch immer brutalere Misshandlungen ihm zunächst noch wehrlos ausgelieferter Volksdeutscher zu reizen. Polnische Flakbatterien beschossen bereits Danziger Sportflugzeuge über dem Danziger Gebiet. Deutsche Luftnahmaschinen wurden über der Ostsee von einem polnischen Zerstörer unter Feuer genommen. Auffällig war weiter, dass polnische Kriegsschiffe den Weg durch die Ostsee in Richtung auf England nahmen. |
| 28.8.1939 | Nachlaß Ortlepp. Kav.Schtz.Rgt.6. Während die Truppe ruhte, fanden in Burgfels bei Oberst Fürst Besprechungen mit den Abteilungskommandeuren und den Führern der unterstellten Einheiten statt. Das Regiment bekam einen neuen Auftrag von der Division, der dahin ging, vom Horenecker Forst aus durch Gewinnung der Malapanebrücke die Südflanke der auf Lublinitz (Lubliniec) angesetzten 4.Division zu decken. Zu diesem Zweck mussten die Bachübergänge bei Wüstenhammer und Brusjek mit Gewalt in Besitz genommen werden. Die II.Abteilung sollte bei Bruschiek sichern und später nach dem Heranführen der I. Abteilung den Abschnitt bis Wustenhammer an der Strasse Horneck – Lublinitz übernehmen. Die unterstellten Pioniere und Panzer traten zu ihren Einheiten zurück.Sofort nahmen die Kommandeure und Schwadronsführer die Erkundungen im Waldgebiet ostwärts und nordostwärts Horeneck (Tworóg) auf. Obwohl es sich hierbei um unbewohntes und unübersichtliches, teilweise sumpfiges Hochwaldgelände handelte, konnten geeignete Räume ermittelt und bei der um 17 Uhr anberaumten Besprechung aller Offiziere des Regiments dem Kommandeur gemeldet werden. Bei dieser BBesprechung gab Oberst Fürst bekannt, dass die zunächst beschränkte Mobilmachung angeordnet worden sei und damit von jetzt ab Kriegsrecht und Kriegsstrafrecht Geltung hätten. Die Anordnung der Mobilmachung löste freudige Genugtuung aus. Jetzt konnte kein Zweifel mehr darüber bestehen, dass die Truppe in kurzer Zeit beweisen musste, dass sie das in ihrer unermüdlichen Friedensarbeit Gelernte in der Praxis richtig anzuwenden verstand. |
| 29.8.1939 | Nachlaß Ortlepp. Kav.Schtz.Rgt.6. Die Schwadronen blieben in ihren Quartieren. Soweit nicht im beschränkten Umfange die Ausbildung fortgeführt wurde, ruhte die Truppe. Bedauert wurde nur, dass bei dem schönen und heiteren Wetter keine Gelegenheit gegeben war, die Umgebung der Quartierorte Ebersheide und Langendorf näher kennen zu lernen. Sicherungsnotwendigkeiten und Tarnung liessen dies jedoch nicht zu. |
| 30.8.1939 | Nachlaß Ortlepp. Kav.Schtz.Rgt.6. Der Angriffsplan war abermals umgestaltet worden. Im Laufe des Tages traf von der 2.leichten Division für das Regiment ein neuer Befehl ein. Hiernach sollte das Kavallerieschützenregiment Nr.6 am Abend des 31. August im Nachtmarsch unbemerkt die deutsche Reichsgrenze im Abschnitt Mikoleska – Grünwald erreichen und diese bei Morgengrauen des 1.September in einem genau festgesetzten Zeitabschnitt überschreiten. Die Kampfgruppe Oberst Fürst musste neu gebildet werden. Sie umfasste jetzt ausser dem Kavallerieschützenregiment Nr.6 die 2./Artillerie-Regiment 78 und 1/2 3./Panzerabteilung 66. Detaillierte Aufmarschpläne, der des Regiments ungefähn in das Gebiet der Bereitstellung von 25.August führen sollte, wurden vom Regimentskommandeur mit den Führern der Einheiten besprochen. Notwendige Einweisungen wurden gegeben und die Erkundungen noch im Laufe des Tages durchgeführt. Der letzte Versuch des Führers, durch unverzügliche und unmittelbare Verhandlungen mit Polen die Streitfragen zwischen den beiden Völkern ein und für immer friedlich zulösen, war gescheitert. Polen, durch Englands Kriegsrhetorik aufgehetzt, liess das deutsche Verhandlungsangebot unbeantwortet. Nun mussten die Waffen sprechen.Da das regnerische Wetter nur einen beschränkten Dienstbetrieb zuliess, wurde die Zeit von den Aerzten der Abteilungen genutzt, um die notwendigen Impfungen durchzuführen. |
| 31.8.1939 | Nachlaß Ortlepp. Kav.Schtz.Rgt.6. Der Tag verlief zunächst ohne Ereignisse. Am Vormittag fand bei beiden Abteilungen Feldgottesdienst durch die Wehrmachtspfarrer beider Konfessionen statt. Alle abkömmlichen Offiziere nahmen an der Feierlichkeit teil. In der Zwischenzeit wurden auf Anregung der Division Handkarren zur Beförderung von Munition, Verpflegung, Waffen usw. beschafft und auf die Einheiten verteilt. Die Handwagen sollten sich in den folgenden Tagen, als bei der Schwierigkeit des Vormarschgeländes mit der Nachführung der Kraftfahrzeuge nicht gerechnet werden konnte, sehr gut bewähren. Um 20,30 Uhr erfolgte die Abfahrt in den schon einmal bezogenen Bereitstellungsraum bei Punkt 260 westlich Horneck. Um den Gegner ein vorzeitiges Erkennen des Aufmarsches zu erschweren, wurde der Marsch mit Standlicht und Blendkappen durchgeführt. Um auch jeden Lärm auszuschliessen, waren darüber hinaus während des Marsches und der Bereitstellung die Motoren ausgeschaltet worden.Die Einnahme der Vormarschstellung erfolgte unter Bildung von 2 Kampfgruppen: Kampfgruppe Junck mit der II.Abteilung des Regiments, 1 Panzerspähtrupp und der 2./Art.Rgt.78, Kampfgruppe Reim mit der I. Abteilung des Regiments ohne die 2.Schwadron mit Zuteilungen, Regimentsreserve: Regimentsstab, Nachrichtenzug, 2./Kavallerieschützenregiment Nr.6 und 1/2 2./Panzerabteilung 66. Ohne Zwischenfälle konnte unter dem Schutze des die Grenze sichernden Grenzbataillons I/78 der Bereitstellungsraum erreicht und in dem Waldgelände die befohlene Aufstellung eingenommen werden. Kein Geräusch drang über die nahe Grenze und verriet dem Gegner die drohende Gefahr. Um die Spionagetätigkeit, vor allem in dem unübersichtlichen Horenecker Forst auszuschalten, waren strenge Überwachungsmassnahmen getroffen. Zur Verstärkung der Grenzwacht waren zur Beobachtung der polnischen Bevölkerung deutsche Boden Gestapobeamte in Zivil eingesetzt.Noch hatten einige Tage lang die Diplomaten das Wort gehabt. Der Führer war am 29.August auf einen englischen Vermittlungsvorschlag eingegangen, der sich aber bald als ein übles Mittel unserer Gegner entpuppte, um für die vervollständigung ihrer Rüstungen Zeitzu gewinnen. Der Führer hatte sich aber bereit erklärt gehabt, am 30.August in unmittelbare Verhandlungen mit Polen einzutreten. Polen wies die Friedenshand weinerlich zurück. Es entsandte, wie bereits an anderer Stelle erwähnt, nicht nur keinen bevollmächtigten Unterhändler, sondern ordnete am 30.August die Gesamtmobilmachung des polnischen Heeres und der Flotte an. Damit waren die Würfel gefallen. Das letzte deutsche Angebot, dass u.a. eine Volksabstimmung im Korridorgebiet unter einer internationalen Kommission, die Entmilitarisierung von Danzig, Gdingen und Hela vorschlug, war abgelehnt. Polen, in blindem Vertrauen auf die englische Garantie seiner Grenze und auf zugesagte englische und französische Waffenhilfe hatte den Krieg gewählt. Noch in der gleichen Nacht beschoss polnische Artillerie die offene Stadt Beuthen, übernahmen polnische Insurgenten in Zivil gekleideten polnischen Uniformen einen Überfall auf den deutschen Reichssender Gleiwitz.Unter diesen Umständen blieb Deutschland nur noch die Entscheidung mit den Waffen. Die Stunde der Bewährung stand für die deutsche Armee u.a. damit auch für das Kavallerieschützenregiment Nr.6, das im Verbande der zum XV.Armeekorps gehörigen 2.leichten Division unter Generalleutnant Stumme kämpfen sollte, bevor. |
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